Installation in Bergen Kunstverein

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Der gewebte Blick - zu den Flechtbildern und 
Flechtobjekten von Aage Langhelle

Isländisch Moos
Das Isländisch Moos (Centraria islandica) wächst in lockeren oder dichten Polstern auf img_projekt_03_01Heiden, Bergweiden und sauren Wäldern von Nord- bis Mitteleuropa. Es zählt zu den wenigen Flechtenarten, die einen deutschen Namen tragen. Die meisten Flechten tragen lediglich lateinische Bezeichnungen. Wieso heißt die Pflanze “Moos” wo sie doch eine Flechte ist?

 

Moose und Flechten
In den Kräuterbüchern wurden Flechten bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zu den img_projekt_03_02Moosen gerechnet. Das Worte “Flechte” trat zunächst im Zusammenhang mit Frisierkunst, nämlich mit der Haarflechte auf. Später erst übertrug sich das Wort auf die Pflanze und schließlich auf die Krankheit.

 

 

Pilze und Algen
Im Jahr 1869 stellte der Schweizer Botaniker Simon Schwendener (1829-1919) fest, daß Flechten aus zweiimg_projekt_03_03 eigenständigen Lebewesen bestehen, nämlich aus Pilzen und Algen. Die Symbiose versetzt sie in die Lage, auf Standorten zu gedeihen, die sie alleine nicht hätten besiedeln können. Auf diese Weise sichern sie ihr Überleben selbst in extremsten Biotopen.

Flechten und Fotos
Während bei den Flechten der Pilz von den Algen organische Nährstoffe erhält, ist nicht geklärt ob die Alge im Gegenzug vom Pilz Wasser oder Salze bekommt. Die Flechtbilder und -objekte von Aage Langhelle sind symbiotische Gemeinschaften zwischen Objekt und Bild, wobei sich nicht Bild oder Objekt vereinen, sondern die Symbiose zweier unterschiedlicher Fotos zum Bildobjekt oder Objektbild führen. Dieses besteht aus je zwei Fotografien, die in schmale parallele Streifen geschnitten, miteinander verflochten sind. Ihre Unterschiedlichkeit manifestiert sich im Motiv, nicht im Material: Köpfe von lebenden und toten Menschen, Hauswände, Baugerüste und Baustellen. Zerfall, Rekonstruktion, Aufbau oder Wiederaufbau. Die Auflösung des menschlichen Körpers kann mit Hilfe eines Konservierungsmittels aufgehalten werden. Ergebnis: ein Schrumpfkopf, eine Mumie. In diese Zerfallsbremse flechtet Aage Langhelle eine Baustelle, das Gerippe eines Körpers, der sich noch im Aufbau befindet.

 self-portraitAuch eine Fotografie mumifiziert das Objekt als Abbildung. Während die Motive längst im Grab liegen, gilbt das Fotopapier ganz für sich ein wenig nach. Ist die Haut Basis des Make-Up? Oder ist es der Totenschädel? In den Flechtbildern oder -objekten von Aage Langhelle zerfließen Gegensätze zu einer Form. Innen wird Außen, Außen wird Innen, oben und unten, hinten und vorn, Vergangenheit und Zukunft, Aufbau und Abbau. In regelmäßige Quadrate aufgegliedert, zerbricht der Raum, die Zeit, und damit auch die Sicherheit, an der sich der Betrachter orientieren könnte.

Innen und Außen
Wo befinden sich bei einer Flechte der Pilz und wo die Alge? In den Objektbildern von Aage Langhelle verschlingen sich die Motive solcherart, daß es schwierig wird, die Grundsubstanzen herauszutrennen. Die Verschmelzung der Motive bewirkt jedoch nicht ihre Mystifizierung, sondern bewirkt eher ein Verschwimmen in Unbekanntes. Ergebnis der Konstruktion ist einerseits eine sehr offene, freie und vieldeutige Form, andererseits ein strenges, festes, hermetisches Regelwerk, daß dem Betrachter keinen Ausweg läßt. Man begegnet seinem eigenen.

Haut auf Haut
Die Arbeit des Flechtens ist äußerst mühselig und zeitaufwendig. Das Flechten von Körben ist ein altes Handwerk, img_projekt_03_05welches nur noch von wenigen Menschen ausgeübt wird. In der Berliner Blindenanstalt in der Oranienstraße werden noch heute geflochtene Gebrauchsgegenstände von den blinden Mitarbeitern hergestellt und angeboten. Darüberhinaus werden diverse Bürsten und Besen aus Roßhaar, Sisal und anderen Materialien hergestellt. Eine Bürste taucht auch in einer Installation von Aage Langhelle auf, eine Bürste mit Hautüberzug auf der Griffseite, das Foto einer Hautfläche, dort, wo man das Holz umgreift.

Der Blick aus dem Hinterkopf
Das Sichtbare ist in den Flechtbildern- und -objekten von Aage Langhelle immer das Äußere, die Schale, der Schutzfilm, welches mit seinen Gegensätzen, dem nackten Inneren, dem Skelett, dem Baugerüst oder dem Gehirn, also dem, was von Schichten verdeckt ist, korrespondiert. Beide Elemente sind miteinander verwoben. Ausdruck dieser Verbindung sind unsichtbare, weil verdeckte, aber dennoch vorhandene Bildfelder, die Informationen enthalten, die zu rekonstruieren möglich sind. In der Unentschiedenheit, im Flimmern von mehreren Ebenen sitzen die Augen nicht mehr vorn, sind nicht mehr Sehgerät, sondern schauen durch die Haare am Hinterkopf nach vorn, in sich hinein und durch sich hindurch.


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Rezension in Bergens Tidende als PDF

Wolfgang Müller (geboren 1957 in Wolfsburg) ist Bildender Künstler, Musiker und Schriftsteller. Ausbildung an der Universität der Künste, Berlin. Er war Mitglied in der Band Die Tödliche Doris (1980-87). Müller hatte verschiedene Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, u.a. im Museum of Modern Art, New York und auf der documenta 8, Kassel (Rahmenprogramm Performance). 2001-02 war er Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg.